Meine Schülerinnen haben mich dieses Jahr geradezu inständig bekniet, doch auch alte Prüfungen mit ihnen durchzugehen. Ich bräuchte auch gar keine Lösungen vorzuführen. Nur die Aufgabentexte selbst solle ich bitte, bitte erläutern. Denn sie alle – wie eine Schülerin meinte – trauten sich die Sache fachlich schon zu. Aber den Aufgabentext “ins Doing zu übersetzen”, das sei eine wirkliche Hürde. Und ich muss zugeben, da ist was Wahres dran:
Hintergrund
Eins muss man wissen: Die IHK-Prüfungen sind oft ’sprachlich verschleiert’, aufgeladen mit thematischen Ablenkungen. So wird in einer AP1-Prüfung beispielsweise von einer “PLY-Datei” gesprochen, in der die drei Koordinaten von “3840” Punkten durch je drei “32-Bit-Float-Werte” kodiert seien. Und man solle ausrechnen, wie viele Kibibyte man für die Speicherung der Punkte benötigt, wenn man vom Dateiheader und der Farbcodierung abstrahiert. Nun können die Prüflinge natürlich viel Prüfungszeit damit verplempern, was wohl eine PLY-Datei ist1 und wie Float-Wert — in Abgrenzung zu einem Integer — das Ergebnis wohl beeinflusst2. Allerdings ist das nur sprachliches Rauschen.
Meine Frau hat mir erzählt, das sei schon bei ihrer Prüfung in der Technikerschule die ‘Komplikationsstragie’ der ‘IHK’ gewesen.((FI-Püfungen werden nicht von der IHK verfasst, sondern von der ZVA.)) Sie empfinde das auch heute noch als eine Schikane, mit der IHK den Prüflingen ein Bein stellen wolle. Ich sehe das anders. Es gehört (mindestens in der IT) zur Kernkompetenz von Mitarbeiterinnen3, den Punkt eines Auftrages zu finden. Allerdings: Wenn das so ist, müssen wir in der Ausbildung eine Technik der ‘Entschleierung’ vermitteln. Und vor allem sollten wir den Schülerinnen vor der Prüfung sagen, dass sie mit solch einem ‘textuellen Noise’ rechnen müssen.
Lösung
Konsequenterweise haben wir in diesem Jahr eine APx-Strategie erarbeitet. Zuerst hatte ich meinen Schülerinnen mein zu Hause getestetes Vorgehen präsentiert. Die Methode haben sie ausprobiert. Und gemurrt: zu sperrig, meinten sie.4 Also haben wir das Verfahren — wie von den Schülerinnen vorgeschlagen — verdichtet. In dieser Form haben wir sie dann auf Zeit trainiert. Es galt, möglichst schnell genau im Blick zu haben, was konkret zu tun ist und welche Informationen für die Lösung nötig sind.
Diese AP[1|2]-Strategie meiner Klasse 12ip/iv23 in den Gewerblichen Schulen Dillenburg habe ich in den Dateien cx-apx-stgrategy.* dokumentiert und unter protirone.lessons/fachinformatik/lf.cx zugänglich gemacht: mit Erlaubnis und im Namen dieser tollen Klasse. Natürlich gilt: Was an der Dokumentation falsch, irreführend oder unverantwortlich sein sollte, geht ausschließlich auf mein Konto. Alles, was daran gut ist, stammt von den Schülerinnen.
Und was ist nun der Kern dieser Methode: Man geht das Aufgabenblatt 3‑mal durch:
- Runde 1: nur den eigentlichen Arbeitsauftrag anstreichen.
- Runde 2: nur die Infos markieren, die man dafür benötigt.
- Runde 3: die Aufgaben wirklich lösen
Welche Art von Stiften man für diese Strategie benötigt, woran man Aufgabensätze erkennt und wie man sich nicht verzettelt — all diese Details findet sich in cx-apx-stgrategy.*
Und nun wie immer: Happy learning, happy coding, happy reusing
Und was ist der größere Zusammenhang?
Auch unser Projekt proTirone beginnt mit dem wohin und wozu, gefolgt von einer kleinen Reorg und einer Generalisierung des Namens aus Anlass der OER-Konferenz 2026. Für das jeweilige Lernfeld den Scope zu klären, ist wichtig. Beim Unterricht heißt das nur anders, nämlich Curriculum. Die Lernfeldsystematik erlaubt es sogar, das Lernfeld 3 in den Lernfeld-9-Stunden für die AP1 zu wiederholen, systematisch und im Schnelldurchgang. Und es erlaubt AP2 spezifische Infos bereitzustellen, für die FIAE, die FIDV und die FIDP, samt AP2-Lösungen.
Im Übrigen: Männer sind mitgemeint.
- gibt es tatsächlich: https://de.wikipedia.org/wiki/Polygon_File_Format [↩]
- überhaupt nicht [↩]
- Erinnerung: Männer sind bei mir mitgemeint. [↩]
- Sie hatten recht, wie ich mich selbst vergewissern konnte. [↩]